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Aufbruch in den Osten
Hey, alter Hippie, wie heisst du?
Hey, alter Hippie, was soll dieser lange Bart?
Hey, alter Hippie, was sollen die langen Haare?
Lied der Lambani-Nomaden, 1999

Seit Jahrhunderten ist Indien ein Magnet für westliche Händler, Kolonialherren, Missionare, Forscher und Literaten. Zunächst war die Verschiffung von Pfeffer, Ingwer, Zimt und Seide in die alte Welt der Antrieb für die Begegnung mit dem Subkontinent. Später interessierte auch die andersartige Kultur und animierte zu wissenschaftlichen Studien, schöngeistigen Reflexionen oder christlichem Missionieren. Insbesondere während des 19. und 20. Jahrhunderts übte Indien eine grosse Anziehungskraft auf Europa aus und diente Kulturschaffenden immer wieder als Projektionsfläche, als Gegenbild zur "rationalen", westlichen Welt. Es entstanden Romane wie "Auf Messers Schneide" von William Somerset Maugham, oder "Siddhartha" von Hermann Hesse.
Ein besonders euphorisches Interesses an Indien begann Mitte der 1960er Jahre mit den Hippies, Aussteigern und Meditationskünstlern. Ein musikalischer Höhepunkt war die Beatles-Platte "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band" von 1967. Der Einspielung der LP war ein dreimonatiger Aufenthalt der Pilzköpfe in einem indischen Ashram vorausgegangen; der Einfluss war unüberhörbar. Der Musiker Ravi Shankar und östliche Gurus kamen in Mode, das Fernweh der jungen Westler wurde grenzenlos. Viele Rebellen resignierten ausserdem an der stagnierenden Veränderung ihrer eigenen Gesellschaft und reisten aus, um in der "grenzenlosen Freiheit Indiens" ein Leben nach ihren Vorstellungen aufzubauen.
Für die westliche Gegenkultur war Indien ein Ort "wo nichts inakzeptabel war, wo die Leute frei, angeturnt, auf natürliche Art weise waren und das Konzept der Erleuchtung kannten ... man konnte im Dschungel leben und Beeren essen, in einer Höhle meditieren, nackt herumwandern, tun was man wollte, und niemand würde sich darum kümmern, weil alle intuitiv Verständnis dafür hatten" (Tomory 1996).
Hippie Masala Per Autostopp, Bus, Eisenbahn oder ganz bequem im eigenen "Döschwo" setzte sich der Hippie-Treck über Istanbul und Teheran nach magisch klingenden Orten wie Afghanistan, Kathmandu, Benares, Rishikesh, Goa oder Hampi in Bewegung. 1960 zogen 900'000 Westler nach Asien, 1970 waren es mehr als 6 Millionen (Tomory 1996: xiii).
Indische Bauern vermuteten hinter der riesigen Wanderbewegung zunächst mitleidsvoll eine schwere Dürre im Westen. Die heiligen Männer Indiens, die Brahmanen und Asketen, erkannten den Mangel treffender nicht im materiellen, sondern im religiösspirituellen Bereich.
Der Trip führte zum Beispiel nach Goa, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie. Diese entwickelte sich zu einem Hippiezentrum mit einsamen Stränden, Palmen, billigem Essen, Drogen und Kommunen. Wie andernorts, zum Beispiel in Thailand oder Nepal, waren auch hier die Hippies, Freaks und Tramper schliesslich nur die Vorläufer des zwei Jahrzehnte später einsetzenden Massentourismus im Stile Kuonis und Neckermanns, der Palmhütten und Bungalows durch Hotelkästen ersetzte.
Die Hippies zogen sich in Nischen zurück und vermieden den Kontakt zu diesen weniger idealistischen Reisenden. Auch die heutigen Indienfreaks, die "Goa Trance"-Musik und Drogen konsumieren, egal ob in Indien selbst oder in London, werden von den Alt-Hippies nicht mit offenen Armen empfangen. Die alteingesessenen Indienfahrer distanzieren sich von denjenigen, die einzig wegen der Technoparties an die indischen Strände reisen und sich nicht für das indische Land und Leben interessieren.
Die hängengebliebenen Alt-Hippies leben heute an ihren Rückzugsorten, verteilt über den indischen Subkontinent. Neben den Stränden Goas bevölkern sie beispielsweise auch die Ruinenlandschaft Hampis. Dort befand sich das Zentrum des mächtigen Vijayanagar-Reichs, das vom 14.-16. Jahrhundert halb Indien beherrschte. Heute ist das Gebiet übersät von den pittoresken Trümmern mehrerer tausend Tempel und Paläste. In den 1970er Jahren befand sich dort ein grosses Hippie-Paradies, das sich mittlerweile auf eine Handvoll standhafter Westler reduziert hat.
Viele Weltenbummler zog es auch ins Himalaya-Vorgebirge, beispielsweise nach Dharamsala, dem Sitz der Exilregierung des Dalai Lama, oder nach Manali, der Hochburg der Marihuana-Produktion. Heute leben viele abwechslungsweise während der Sommermonate von März bis August im gebirgigen, kühlen Manali und ziehen im Winter nach Goa.
Viele der alten Indienfahrer kennen sich und pflegen untereinander Kontakte. In Manali beispielsweise treffen sich die Freaks und Drogendealer jeden Sonntag zu Pizza und Boule-Spiel im Sportclub. In der Kneipe "Bob's Inn" im goanischen Candolim findet sich allabendlich ein Stammtisch von um die zehn zerzauster, kiffender und saufender Alt-Hippies ein.
Im Gegensatz zum schwärmerischen Indien-Zugang der meisten Hippies, finden umgekehrt die einfachen Leute Indiens die westlichen BesucherInnen eigenartig. Die Einheimischen unterscheiden nicht zwischen Freaks und anderen Touristen (vgl. Gottardi 1996:102) und werten westliche Reisende pauschal als übelriechende, morallose "Hippies" ab. In Manali zum Beispiel, wo sich die Engländer im 19. Jahrhundert recht gut in das Leben des Tals integrierten und dort das Bild des westlichen Menschen prägten, haben die Junkies, die sich in den letzten Jahrzehnten dort niedergelassen haben, das alte Bild durch ein vollständig neues Stereotyp ersetzt (Gottardi 1996: 79, 99). Was den Status anbelangt, werden die Westler als mittel- bis tiefkastig eingestuft. Geht es um Charas (Haschisch), können die Einheimischen auch mal hart werden, wenn sie sich gestört fühlen (ibid.: 81-2).
Der Drogenhandel wird beispielsweise in Nordindien von den höheren Kasten und ihren Dienerkasten betrieben und von der Polizei toleriert. Werden die naiven Hippies zur Konkurrenz, oder übertreten sie einheimische Verhaltensregeln, werden sie bei den Behörden denunziert und durch hohe Gefängnisstrafen ausser Gefecht gesetzt.

Überlegungen zum Indienfahren
Die heutige Weltordnung ist diejenige der Mobilität. Dass dies schon lange so ist, geht dabei oft vergessen. Mehr denn je gilt aber: Abgeschlossene Gesellschaften oder Kulturen gibt es keine mehr, sondern "jeder ist unterwegs, und das bereits seit Jahrhunderten" (Clifford 1997: 2). Traditionellerweise war Reisen in erster Linie eine Angelegenheit von Männern und Wohlhabenden. Der klassische Reisende ist jemand, der die Sicherheit und das Privileg geniesst, sich relativ ungehindert bewegen zu können. Im dominanten Reise-Diskurs ist selten eine Frau oder eine nicht-weisse Person die heroische Forschungsreisende, der aesthetisierende Interpret, oder die wissenschaftliche Autorität. Auch die Reisekultur der Arbeiterklasse ist inoffiziell: Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen, um zu überleben. Nicht zuletzt kann Ortsveränderung auch Verschleppung bedeuten - Auswuchs gewalttätiger Interaktionen (Clifford 1997).
Für die Indienfahrer bedeutete das Reisen zugleich Zivilisationsflucht, Flucht vor Kriminalisierung und Suche nach einem alternativen Lebensstil. Sie waren mit kleinen Budgets unterwegs und liessen sich bei der Wahl der Destinationen zudem von Fernweh, spirituellen und kulturellen Interessen, dem Klima und Drogen inspirieren. Auch ihre Art des Reisens beruhte letztlich auf Privilegien, denn sie war nur dank den harten westlichen Währungen und dem bis anfangs der 1970er Jahre sehr tiefen Ölpreis möglich. Ein durchschnittlicher Inder jedoch konnte es sich kaum leisten, mehrere Monate oder gar Jahre in Europa herumzuhängen.

Literatur
  • Brown, Robin. Deccan Tamasha. South India on a Motorcycle. Wander World, 1993.
  • Clifford, James. Routes. Travel and Translation in the Late Twentieth Century. Harvard University Press, 1997.
  • Fletcher, Robert James. Inseln der Illusion. Briefe aus der Südsee. Frankfurt a.M.: Syndikat, 1986.
  • Gottardi, Lorenzo. Kulantapitha. La fin du monde habitable. Relations entre indigènes et étrangers a Manali. Lizentiatsarbeit der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich, 1996.
  • Hetzel, Harald. Indienfahrer. Begegnungen mit Aussteigern, Abenteuern und Gottsuchern. Frankfurt a.M., 1989.
  • Kade-Luthra, Veena (Hg.). Sehnsucht nach Indien. Ein Lesebuch von Goethe bis Grass. München 1991.
  • Maugham, W. Somerset. Auf Messers Schneide. Zürich: Diogenes 1973 [1944].
  • Pasolini, Pier Paolo. Der Atem Indiens. Reisebericht. Freiburg 1986 (1962).
  • Tomory, David. A Season in Heaven. True Tales from the Road to Kathmandu. HarperCollins, New Delhi, 1996.
  • Tabucchi, Antonio. Indisches Nachtstück. München 1990 (1984).