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Artikel der französischen Zeitung Libération
Die französische Zeitung LIBÉRATION besuchte die Dreharbeiten von EL MEDINA... und entstanden ist ein äusserst lebhafter, witziger und hintergrundreicher Bericht.
Kairo-Paris retour mit unserem Korrespondenten
Der Film passt gut in die Jahreszeit: beissende Kälte draussen, erstickende Hitze drinnen. EL MEDINA, dessen Drehbuch der Ägypter Yousry Nasrallah und die Französin Claire Denis zusammen geschrieben haben, erzählt die Geschichte eines jungen Ägypters zwischen Kairo und Paris. Und wie in den früheren Filmen von Nasrallah, der mit seinen 45 Jahren der eigenwilligste unter den jungen ägyptischen Filmemachern ist, verkehren die Menschen hauptsächlich über den Handel miteinander: Handel mit Drogen, Gefühlen, Sehnsüchten, Identitäten und Ausweisen… Sein letzter Langspielfilm, Mercedes, der schwarze Diamant des ägyptischen Films der 90er-Jahre, liegt schon sechs Jahre zurück.
»Der ägyptische Film ist am Eingehen - und 60 Millionen Ägypter träumen davon, Schauspieler zu werden... Noch ist nicht alles verloren.«
Yousry Nasrallah während den Dreharbeiten
Die Ausweislosen. "Das Hauptproblem der Araber ist ihr Image, das Bild, das sie von sich geben wollen", erklärt Nasrallah oft. "Wenn sie das einmal geregelt haben, können sie zu leben beginnen. Der Held kann erst am Ende des Films, nachdem er eine Niederlage erfahren hat, nach Ägypten zurückkehren, sein Image akzeptieren." Doch auch der Westen bekommt einiges ab: Das Drehbuch zu EL MEDINA - es wurde geschrieben zum Zeitpunkt der vollen Mobilisierung der Filmemacher für die Ausweislosen, bei der Claire Denis eine entscheidende Rolle spielte - zeigt auf, welche Ausgliederungsmechanismen in den reichen und vollgefressenen Gesellschaften am Werk sind, wie diese sich weigern, die von ihnen geschaffenen Sehnsüchte zu befriedigen.
August 1998, Kairo. Stadtzentrum. Aussen Nacht. Nach einem Casting wird der Held Ali von einem gehässigen Regisseur jämmerlich rausgeschmissen. Letzterer wird gespielt von Zaki Fatin Abdel Wahab, der schon mit wasserstoffblondem Haar und angetörntem Blick durch Mercedes geisterte. "Ali hat eins auf den Deckel gekriegt, und nun ist er stinksauer", erklärt der Regisseur. "Er träumt davon, ein Star zu werden: als Fussballer, als Schauspieler, als Sänger, irgendwas. Und um sich abzureagieren, gibt es für ihn und seinen Freund Oussama nur eins: anmachen, nerven, provozieren." An einen Pfosten auf dem Platz Talaat Harb lehnend, rauchen die beiden Schauspieler eine Kippe nach der anderen und nehmen die Passanten aufs Korn. Die Menschenmenge hinter den Sicherheitsabschrankungen krümmt sich vor Lachen. Nach der Aufnahme nähern sich die Schaulustigen dem Toningenieur Gasser Khorchid:
Wie heisst der Film? - El Medina
Ist das alles? - Reicht dir das nicht?
Und wer spielt darin? - Du kennst sie nicht. Niemand kennt sie.
Was haben wir denn hier verloren? - Das frage ich mich auch.
Zwischen zwei Szenen schläft der Hauptdarsteller Bassem mit offenen Augen und abgekämpften Gesichtszügen. "Die Dreharbeiten sind unwahrscheinlich anstrengend. Es hat sehr viele Aussenaufnahmen. Die letzten beiden Tage habe ich im Nil verbracht…" Am Ufer des Nil? "Nein, nein, drin, mit einem Pneu als Schwimmgurt. Es ist der letzte Abend vor Alis Abreise nach Frankreich, und seine Freunde laden ihn ein, zur Feier des Ereignisses ein Bier im Nil zu trinken."
Ein Wink an den Meister. Ein paar Meter weiter, gegenüber dem Fernseh- und Handy-Geschäft Contaga, vor dem sich immer ein Haufen armer Teufel mit gierigen Blicken drängt, gehen die Dreharbeiten weiter. Trotz der vorgerückten Stunde ist es drückend heiss. Dicke Wassertropfen sickern von den Klimaanlagen, welche in der nächtlichen Stille dröhnen. Gegenüber wird der Eisstand von al-Abd, der besten Konditorei von Kairo, vom Drehteam geplündert. Ali steht immer noch unter dem Schock seines erbärmlichen Castings und redet seinem Freund mit seinen Schimpftiraden den Kopf voll. Gelangweilt wirft dieser einen Blick auf die Fernseher im Schaufenster, wo Gare centrale läuft - ein Film von Youssef Chahine. Hommage und Wink von Yousry an Youssef, ein Augen-zwinkern des ehemaligen Schülers an den immer-noch-Meister. Oussama lässt sich vom Film mitreissen, er hört seinem Freund Ali nicht mehr zu und rezitiert gleichzeitig mit dem Schauspieler am Fernsehen den berühmten Dialog zwischen Qenawi und Hanouma am Fusse der Ramses-Statue. Ali schliesst sich ihm an. Am Ende der Szene gehen die beiden Jungen weg, hinkend wie Qenawi.
Das Spektakel findet auch auf der Strasse statt, wo die Jungs immer wieder ansaugen: "Was ist das für ein Film?" Lass es mich versuchen, ich kann das auch." Und sie haben recht: Die Helden des Films sind sie, ihr zu viel an Sehnsucht, ihr zu wenig an Spass, ihr rotzfrecher Spott, ihre sich an den Humor klammernde Hilflosigkeit dem Leben gegenüber. Eine Stunde und ein paar Aufnahmen später geben es die Kühnsten auf: "Scheisse, das ist ja vielleicht bescheuert. Die arbeiten zehn Stunden für fünf Minuten Film. Komm, verduften wir."
Ein selbstmörderisches Unterfangen. Yousry amüsiert sich köstlich: "Der ägyptische Film ist am Eingehen, und 60 Millionen Ägypter träumen davon, Filmschauspieler zu werden. Noch ist nicht alles verloren." Die ganzen Dreharbeiten wurden in Digital-Video gemacht der Film wird dann auf 35mm aufgeblasen. Diese Technik erlaubt eine Leichtigkeit und Mobilität, die in den Strassen von Kairo sehr willkommen ist. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass der Regisseur das Ergebnis sofort auf einem Monitor begutachten kann.
Mit anderen Worten: Yousry Nasrallah hat aus der Not eine Tugend gemacht: Der Film erhielt keine Unterstützung durch den Fonds Sud pour le cinéma, der vom französischen Aussenministerium und vom CNC geleitet wird. Der Grund? Über 25% des Films spielen in Frankreich, dadurch verliert er seine "kulturelle Besonderheit." Das Budget ist also ein wenig knapp, aber Nasrallah ist sich an selbstmörderische Dreharbeiten im Eilzugstempo gewöhnt. "Chahine ist für Ordnung. Hinter seinem chaotischen Äusseren steckt ein sehr gewissenhafter, sorgfältiger Mensch. Ich bin das Gegenteil. Ich brauche Unordnung, um funktionieren zu können."
November 1998, Paris. Es ist grau und kalt. Frankreich ist nicht das Paradies, von dem der junge Ali geträumt hat. Er hat eine Tournee seiner kleinen Theatertruppe benützt, um sich abzusetzen. Er hat weder Geld noch Ausweis, weder Arbeit noch Kontakte. Er hat also keine andere Wahl als das übliche Los der Illegalen: Pizzeria, Maler auf dem Bau...
In der besetzten Wohnung, die er mit seinen arabischen Leidensgenossen teilt, schlägt Ali die Zeit mit Witzeerzählen tot: Ein Marktforschungsinstitut macht eine Umfrage. Die Frage lautet: "Was ist Ihre Meinung über die Fleischmahlzeiten in Ihrem Land?" "Was heisst das, Fleisch?", fragt der Ägypter. "Was heisst das, Mahlzeit?", will der Sudanese wissen. "Was heisst das, Meinung?" erwidert der Iraker. "Was heisst das, Land?" erkundigt sich der Palästinenser. (Anm.: Diese Szene ist nach wie vor im Film)
Die Mafia auf den Fersen. Ihr Pate wird von Roschdy Zem gespielt, der nie so gut ist wie in diesen Rollen als Bestecher-Verführer. Einmal sagt er stolz von sich, er sei der "Schindler der Araber". ("Ja, klar. Ich gebe ihnen Arbeit und schütze sie vor der Polizei, die sie sucht.") Er nimmt Ali unter seine Fittiche und führt ihn ins Milieu der illegalen Boxkämpfe ein. Der Ägypter wird dafür bezahlt, dass er einen Sieg oder eine Niederlage vortäuscht. Doch ihre Schiebereien laufen schief, und Ali bekommt es mit der Mafia zu tun, die ihn bei einem arrangierten Verkehrsunfall aus dem Weg räumen will.
Spital Pitié-Salpêtrière. Der Tag hat schlecht begonnen: Yousry Nasrallah läuft bei einem etwas kühnen Travelling voll in eine Wand. Nach seinem "Unfall" schickt sich das Team an, Alis Notfallbehandlung zu filmen. Ein Dutzend Proben, dann geht's los. Stille, Motor, Action. Die Pfleger machen sich um Alis blutenden Körper zu schaffen. Sein Herz lässt gefährlich nach: Es muss ihm ein Elektroschock verabreicht werden. Und nun switcht die Fiktion in die Wirklichkeit über: Aus ungeklärten Gründen erhält der Körper des Schauspielers Bassem eine echte 220 Volt-Ladung. Ein markerschütternder Schrei, und er bricht bewusstlos zusammen. Und aufgrund einer absolut unglaublichen Verkettung von unglücklichen Umständen bleibt der Apparat angeschlossen… zum Glück auf minimaler Stromstärke. Ein paar Minuten später kommt der Schauspieler wieder zu sich, er erinnert sich an seinen Vornamen ("Bassem, wie heisst du?" brüllt ihm der rasend besorgte Yousry Nasrallah ins Ohr) und bemerkt dann sofort: "Ist ja normal, es ist Freitag, der 13.". Fatimahs Hand, die als Schutz vor Unheil an die Kamera gehängt wurde, hat offenbar gewirkt.
Christophe Ayad


AUS LIEBE ZU EINER STADT
Die CAHIERS DU CINÉMA haben während dem Filmfestival Locarno mit Yousry Nasrallah ein Gespräch geführt, das in dieser Form publiziert worden ist:
Wie Ali entstanden ist. Ich habe Kairo 1978 verlassen, um in Beirut zu leben. Ich habe mich verliebt in diese Stadt und bin vier Jahre da geblieben. Seit ich sechsjährig bin, möchte ich Filme machen, und mein erster Film, Vol d'été, entstand 1992. Ich wollte darin erzählen, was inzwischen passiert war, und gleichzeitig diesen Eindruck, dass alle Städte sich gleichen, festhalten. Während dieser ganzen Zeit begleitete mich das grossartige Gedicht La Ville des griechischen Dichters Constantin Cavafy, der anfangs des 19. Jahrhunderts in Alexandria lebte, von E. M, Forster entdeckt und später von Marguerite Yourcenar übersetzt wurde. Ich spürte, dass ich dieses Gedicht erzählen konnte, nicht anhand meiner eigenen Erfahrung, sondern anhand einer fiktiven Person. Ich traf total ratlose junge Ägypter, die in Paris gelebt hatten, ein Universitätsstudium abgeschlossen hatten und Theater spielen wollten. Ausgehend von dem, was sie mir erzählten, begann die Figur von Ali in mir Gestalt anzunehmen. Doch ich wollte zuerst das Leben dieser Figur in Ägypten vor ihrem Weggehen schildern. Für diesen Teil arbeitete ich mit dem Drehbuchautor Nasser Abdel-Rahmane zusammen. Der französische Teil hingegen stellte mir ein Problem. Da ich Claire Denis gut kannte, schlug ich ihr vor, mit mir zusammenzuarbeiten. Das war zum Zeitpunkt der Demonstration der Ausweislosen. Diese Gleichzeitigkeit war beinahe bestürzend, wusste ich doch, dass Ali ein Ausweisloser war. Claire half mir zu begreifen, dass ich im Grunde genommen den Wunsch hatte, den Weg einer Person zu erzählen, die eine innere Reise macht.
Um wieder auf die Entstehung des Films zurückzukommen: Ich fragte mich, weshalb ich erst so spät mit dem Filmemachen begonnen hatte, wo ich dies doch seit meiner Kindheit so beharrlich wünschte. Ein wenig wie Ali, die Hauptperson von EL MEDINA, der davon überzeugt ist, dass er Schauspieler wird. Ich vergleiche die Filme der Autoren meiner Generation, die von der Filmakademie kommen und zu filmen beginnen, ohne irgendetwas von der Welt zu kennen, mit jenen, die eine andere Erfahrung hinter sich haben, die an die Universität gegangen sind und in der Studentenbewegung der 70er-Jahre mitgekämpft haben. Ich wollte nicht Filmemacher werden, um über den Weltschmerz der Jugend zu erzählen. Am Ende der politischen Bewegung der 70er-Jahre, der mit dem Aufkommen des Fundamentalismus zusammenfiel, hatte ich Angst davor, zu ideologische Filme zu machen, die mich zutiefst langweilten. Dies ist sicher der Grund, weshalb ich es unbewusst immer wieder aufschob, mit dem Filmen zu beginnen.
Vier Jahre in Beirut, in einem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Land, zu leben, war eine selbstmörderisch Idee, aber sie hat sich hat sich als grossartige Erfahrung herausgestellt. Sicher wollte ich mir eine eigene Lebenserfahrung aufbauen, um später den Leuten Geschichten erzählen zu können...
Während Claire und ich schrieben, fand also die Demonstration der Ausweislosen statt. Und es war ganz logisch, dass wir da eine Szene drehten, wo Ali mit den anderen marschiert. Es ist die erste und einzige, die in Super-16 aufgenommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch im Sinn, den Film in 35mm zu drehen und nicht in DV… Während dieser Szene hört man Ali den Brief lesen, in dem er seinem Freund schreibt, dass er davon träume, eine solche Demo in Ägypten zu organisieren. Es ist eine sehr riskante Szene, die ich mehrmals rausschneiden wollte. Aber Ali hat in seinem Leben vor allem Lust, seine Gedanken auszudrücken: Was er schreibt, kann als politische Aussage verstanden werden, doch in Wirklichkeit spricht er von sich selbst. Dieser Aspekt der Figur war für mich von Anfang an wichtig. Als ich zusammen mit Claire schrieb, sagte ich ihr, dass die Inszenierung des ägyptischen Teils hektisch, sehr dialogisiert sein werde: Die Leute sprechen viel, aber nur, um das Wesentliche besser zu verbergen. Deshalb ist der Schnitt abgehackt, wie wenn er sie dazu zu bringen versuchte, das zu sagen, was sie nicht sagen wollen. Wenn ich nicht zu Hause bin, spreche ich freier; und da ich Ausländer bin, vertrauen sich die Leute mir an und umgekehrt. In Ägypten ist das anders. Deshalb wollte ich, dass im französischen Teil die Leute die Möglichkeit haben, sich wirklich auszu-drücken. Bis zur Demo ist der Stil gleich wie beim Teil in Kairo. Doch dann, wenn Ali beschliesst, wieder in sein Land zurückzukehren, ändert sich der Rhythmus. Das Ende ist eher nach innen gerichtet, beschaulicher, weniger hektisch. Die Szene, in der sich Ali und Nadia in Kairo streiten, habe ich wie eine Liebesszene gedreht. Wir wissen, dass Nadia verliebt ist, aber sie werfen sich scheussliche Dinge an den Kopf… Diese Dualität zwischen etwas vorspielen und lügen ist das eigentliche Thema des Films und gibt ihm seine Form.
Chahine. Wenn ich mir Chahines Filme anschaue, frage ich mich immer, weshalb sie mich trotz des Altersunterschieds zwischen uns so ansprechen. Chahine gehört zur Gründergeneration des modernen Ägypten. Es ist kein Zufall, dass er in den Strassen von Alexandria zusammen mit Nasser Fussball gespielt hatte. Nach 1967 war Chahine einer der wenigen, die nach der schmerzlichen Erfahrung mit der politischen Niederlage nicht daran verzweifelten. Er begann sich Fragen zu stellen und versuchte zu begreifen, weshalb es zu diesem traurigen Ausgang gekommen war. Er fühlt sich verantwortlich für die ägyptische Seele. Es ist ihm ein Bedürfnis, den Jungen die Wahrheit zu sagen, seine Erfahrung zu teilen; das macht ihn zu einem sehr grossen Filmemacher. In seinen Filmen erzählt er unablässig von der Versöhnung zwischen dem ägyptischen Menschen und der ägyptischen Macht. Er will über die verschiedenen Generationen hinweg gemeinsam das Ausmass unserer Fehler ermessen. Dies ist ein grossartiges Thema, denn Chahine hat all dies wirklich erlebt. Er ist kein Demagoge, er hat eine echte Beziehung zu diesem Ägypten, das man zu Beginn der 50er-Jahre aufbauen wollte.
Ich selbst war 1967, zum Zeitpunkt der ägyptischen Niederlage, fünfzehn. Das war das Ende des ägyptischen Traums. Nasser war kurz zuvor gestorben, und wir waren uns selbst überlassen, wie nach dem Tod eines Vaters. Dies glich stark der ehemaligen UdSSR. Was für eine Beziehung kann ein Fünfzehnjähriger zur Macht haben, wenn die Niederlage eine Tatsache ist und nicht mehr analysiert werden muss? Im Gegensatz zu Chahine verspüre ich nicht das Bedürfnis, in einem Film von meiner Beziehung zur Macht zu erzählen. Ich zeige lieber meine Beziehung zu meinem Nachbarn, der Fundamentalist wird, zu einem Jungen oder einem Mädchen, mit dem ich Liebe machen möchte.
Das widerspiegelt sich in meinem Verhältnis zur Zensur und zum Publikum. Mit der Zensur habe ich praktisch keine Probleme. Das Drehbuch zu EL MEDINA ging glatt durch, und in Mercedes wurde nur eine einzige Szene rausgeschnitten. Hingegen kommt es vor, dass das Publikum von dem, was ich ihm zeige, schockiert ist. Denn es ist so, dass die Leute auf eine bestimmte Art leben und auf eine andere Art sprechen. Darin liegt der Sinn des ersten Teils des Films. Und das ist komplexer als Probleme mit der Regierung. Das ist meine eigene Problematik, die nichts zu tun hat mit dem Verhältnis zu einer bestimmten Macht. Die wahre Konfrontation geschieht nicht zwischen Ali und seinem Vater, sondern zwischen Ali und seinem Freund Ahid, dem Sänger, der zu einem Feind werden kann. Es ist normal, dass man sich von seinen Eltern verschieden fühlt, aber das Problem stellt sich anders, wenn man sich von den Leuten seines Alters verschieden fühlt. Dann kann man von Einsamkeit sprechen. Wenn Ali dem Schauspieler sagt, er habe Angst davor, wie er ein grosser Schauspieler zu werden, den niemand anerkennt, formuliert er seine Ängste nicht richtig, denn nicht davor fürchte er sich, sondern davor, so wie Ahid oder wie Nadia zu werden. Denn was Ali dem Schauspieler und seinem Vater in erster Linie vorwirft, ist ihr Gehorsam. Ali verliert sein Gedächtnis, aber am Ende des Films findet er es wieder. Ohne Gedächtnis konnte er die Menschen auswählen, sich eine Familie aufzubauen, die ihm gehört und die ihm nicht aufgezwungen wurde. Das passte zur Geschichte, die ich erzählen wollte, um die Figur vor eine neue Herausforderung zu stellen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt muss man mit einer Tradition, einer Religion, dem, was uns über die Geschichte erzählt wurde, brechen.
Gegen die Nostalgie. Die ägyptischen Intellektuellen werfen meinen Filmen vor, sie seien nicht nostalgisch. Dabei verwechseln sie jedoch Nostalgie und Erinnerung. Ich habe einen Horror vor der Nostalgie. Die entscheidende Frage ist, was man heute tut, wo die Filmindustrie serbelt, die Stars altern und das Publikum Videos vorzieht. Wenn ich Filme wie früher machen könnte, würde ich Geschichten erzählen über junge Menschen, die sich mit der Autorität anlegen, denn die ägyptischen Filme handeln immer von dem: Individuum gegen Macht. Ich finde es schwieriger, eine Geschichte zu erzählen, die das Ergebnis des Lebenswegs einer Einzelperson ist, wie ich es in EL MEDINA versucht habe.
Gespräch vom 10. August 1999 in Locarno mit Jérôme Larcher